Giesinger Wimpernschlag

Geschichten aus dem Münchener "Glasscherben-Viertel"

Was macht Will Ken eigentlich, wenn er mal nicht die Puszta durcheinanderbringt oder das Linoleum, anstatt es wie früher auf den Boden zu kleben, nun dazu benutzt, die Fettnäpfchen-Cover als Druckvorlage hineinzuschnitzen?

Dann wohnt er einfach in Giesing, dem sogenannten "Glasscherben-Viertel" Münchens, und wundert sich, auf was für Ideen das Leben so kommt.

 

"Stimmt!", murmelt er zum Beispiel, wenn er sich jeden Donnerstag über frische Wochenlektüre neben der Badewanne freut. "Die Welt ist wirklich ein merkwürdiger Ort! Aber: das gilt nicht nur für Hochglanzseiten aus der großen weiten Welt. Das gilt genauso für uns, hier, im ganz normalen Giesing!"

 

Aus diesen Alltags-Verwunderlichkeiten versucht er dann Geschichten zu basteln, die nicht länger als fünf Minuten sein dürfen. Wenn so was mal klappt, nennt er das Ding "Giesinger Wimpernschlag" und stellt es im monatlichen Wechsel auf diese Homepage hier.

 

Viel Spaß beim Lesen!

von

Will Ken

Dreh´ den Büromann

Nr. 4

Autor: Will Ken

 

Aus dem kleinen Laden bei uns im Wohnblock, dessen Vorderfront aus einem riesigen Schaufenster besteht, ist jetzt ein Büro geworden.

Was die da machen, weiß ich nicht. An der Klingel steht lediglich: Büro Dr. Hagebutter.

Tagsüber ist niemand da.

Abends allerdings, jeden Dienstag und Donnerstag, sitzt dort ein Mann. Vielleicht sogar Dr. Hagebutter selbst, aber das glaube ich eher nicht. Weil der Mann im Schaufenster nicht wie ein Doktor aussieht, sondern wie ein gewöhnlicher Büromann. Zumindest von hinten.

„Kann mir auch völlig egal sein!“, könnte man denken.

Aber leider: Es ist mir überhaupt nicht egal! Weil der Schaufenstermann nämlich vollkommen idiotisch sitzt.

Dabei war mir bisher gar nicht bewusst, dass man „vollkommen idiotisch“ sitzen kann. Eigentlich dachte ich immer: „Man sitzt, wo gerade ein Stuhl steht. Ist doch Wurst.“

Aber das stimmt nicht.

Der Büromann hat nämlich seinen Schreibtisch ziemlich genau einen Meter vor der Fensterfront aufgestellt, so dass er beim Arbeiten nur kurz den Kopf heben müsste, um, wenn ihm gerade nach ein bisschen Zerstreuung wäre, einen Blick auf das Geschehen draußen zu werfen. Er könnte dann, nur zum Beispiel, mir und meiner Hündin Semmel freundlich zuwinken.

Macht er aber nicht. Weil er auf der anderen Seite (der idiotischen) des Schreibtisches sitzt, also mit dem Rücken zum Schaufenster. Ich kann somit, ein Meter ist schließlich nichts, bei meinem Hundespaziergang genau sehen, was er am Computer so treibt. Ich schaue ihm dabei die ganze Zeit über die Schulter, und er … merkt es nicht! Das verursacht bei mir im Magen ein ganz absonderliches Gefühl. Der oberste Punkt beim Schaukeln fühlt sich so ähnlich an, ist aber natürlich kürzer, weil es ja wieder zurückgeht. Aber hier geht nichts zurück. Schrecklich! Und je länger ich ihm so zuschaue, desto stärker wird dieses Gefühl. Einfach weitergehen geht allerdings auch nicht. Ein unheimlicher Zwang hält mich vor dem Fenster fest.

Und plötzlich halte ich es nicht mehr aus – ich muss was tun. Jetzt. Sofort!

Ich werde hineinstürmen, jawohl! Den Armen von seinem Platz ziehen. Dann seinen Bürostuhl über die Tischplatte hieven und rufen: „Hier sollst du sitzen, Büromann, nur hier! Mit Blick durchs Fenster.“

Doch bevor ich diesen bescheuerten Plan in die Tat umsetzen kann, meldet sich Semmel – sie zieht an der Leine. Einmal, zweimal. Dann dreht sie sich um, nimmt die Leine in ihr Maul und ruckt so heftig, dass ich wegstolpere. Weg von dem erleuchteten Fenster.

„Puh! Was für ein Glück!“

Für den Heimweg, so mein spontaner Beschluss, wähle ich eine andere Route. Nicht einfach zurück, sondern einmal um den Block herum.  Einfach auf die Fahrbahn ausweichen geht nämlich auch nicht, weil das hier der Mittlere Ring ist, vierspurig und ohne Ampel auch bis in die Nacht absolut lebensgefährlich. Ich biege also von der anderen Seite in unsere Straße ein, so dass ich mir den unheimlichen Büromann im Schaufenster erspare.

Dennoch muss ich höllisch aufpassen. Es geht um das letzte Haus, bevor unser Block anfängt. Denn hier, behauptet meine Hündin, sei vor kurzem ein Feind eingezogen. Ein sehr schlimmer.  

„Der neue Köter riecht einfach unsäglich. Ausgesprochen feindlich! Ich kann ihn nicht leiden und würde den, wenn der Zaun nicht wäre, ganz abscheulich beißen.“

Allein, mein Aufpassen hat nichts genützt. Semmel hat sofort und umstandslos in den nächtlichen Garten hinein gebellt. Wild und wütend. Und jetzt veranstalten die beiden Vierbeiner einen Affenzirkus, der sich gewaschen hat.

Die Eingangstür geht auf, die Beleuchtung an. Der Besitzer ist noch lauter als die Hunde. Auch er bellt. Sein Kopf wird dabei immer röter, so dass es schon gefährlich aussieht.

„I H R Hund hat angefangen! Beim nächsten Mal hole ich die Polizei!“

Während er seinen Hund ins Haus zerrt, gehe ich in die Knie und versuche, Semmel die Schnauze zuzuhalten.

„Mpff“, macht sie.

Ich halte weiter zu, damit sie sich endlich beruhigt. Das Klingelschild, direkt vor meiner Nase, ist beleuchtet. Gedankenverloren lese ich den Namen.

Der Name? Ich reiße die Augen auf. Bitte nicht!

„Dr. Hagebutter“!

Morgen ist Mittwoch. Mittwoch ist kein Büromann-Tag.

Aber übermorgen? Was mache ich am Donnerstag? Die Hagebutters sind ja offenbar zu zweit. Zu dritt, wenn man den Hund mitzählt. Feindliche Verbündete! Ich bin tatsächlich umzingelt. Von einem Hagebutter-Clan.

„Semmel“, sage ich. „Du hattest recht. Wenn der Zaun nicht wäre, ich würde …“

„Menschen“, unterbricht mich meine Hündin und kneift wichtigtuerisch ein Auge zu, „beißen überhaupt nicht!“ Dann wedelt sie kurz und gutgelaunt. „Ich fand den heutigen Abendspaziergang jedenfalls erfreulich. Ausgesprochen anregend.“

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© 2020 (erstellt von Marion Wilken)